Parndorf: FRÜHERE VERHÄLTNISSE / HÄUPTLING ABENDWIND

    
Fotos: Renate  Wagner

Theater Sommer Parndorf
FRÜHERE VERHÄLTNISSE / HÄUPTLING ABENDWIND von Johann Nestroy
Premiere: 4. Juli 2013,
besucht wurde die Vorstellung am 13. Juli 2013

„Man“ fährt schon ins Burgenländische Parndorf, aber meist ins Outlet Center, wo die Damen zuschlagen und die dazugehörigen Ehemänner (samt ihren Kreditkarten) hinter sich herschleifen. Eine Nestroy-Situation? Gewiss. Nestroy gibt es auch auf dem wahrlich idyllischen kleinen Platz vor der Pfarrkirche des Orts. Bereits zum zweiten Mal – nach einem über-ausverkauften „Talisman“ im Vorjahr – setzt der neue Intendant dieses Zweigs der Burgenländischen Festspiele, Christian Spatzek, auf diesen unfehlbaren Autor. Diesmal mit zwei Einaktern, einer häufig, der andere eher selten gespielt, beide kleine Gustostückerln aus des Autors allerletzter Schaffensperiode.

„Frühere Verhältnisse“, vier Personen auf der sozialen Stufenleiter, die glitschig ist und den Menschen allerlei Auf und Ab beschert. Der heruntergekommene Kapitalist, der sich als Hausknecht verdingt, erkennt in seinem neuen Herrn seinen einstigen Hausknecht, der nun ein reicher Holzhändler ist – Verhältnisse, die sich im Verhalten niederschlagen. Bei den Damen ist die höhere Tochter zur Holzhändlersgattin herabgestuft (was sie sich vom Geld des Gatten versüßen lässt), während sich die Theaterprimadonna dritten Grades lieber die sicheren Fleischtöpfe wohl bestallten Bedienstetendaseins zurück erobert. Ein paar Verwicklungen, aber vor allem berühmte, mit spitzer Feder gezeichnete Charakterporträts von hohem Einsichtswert. Wobei in dieser Inszenierung von Christian Spatzek die Herabgekommenen (Alfred Pfeifer als Muffl, Dorothea Parton als Peppi Amsel, zwei legendäre Rollen) sich hier eher sanft geben, während das streitende Ehepaar (Irene Budischowsky und Franz Suhrada) mit Verve über die Bühne fetzt.

 

Weit weniger bekannt der „Häuptling Abendwind“, auch wenn ihn Robert Meyer eine zeitlang immer wieder erfolgreich vorgelesen hat – man muss ihn ja doch spielen, und der Stil einer Blödelposse in Studentenulk-Dekoration (Dietmar Solt), den Spatzek hier wählte, passt ideal zu Nestroys Umsetzung einer der kleinen Offenbach-Operetten: Peter Uwira sorgt am Bühnenrand, unter einem prachtvoll-stimmungsvollen Riesenbaum für die musikalische Untermalung.

Irgendwo in der Südsee haben Nestroy und vor ihm schon Offenbach die „Wilden“, die sich – wie symbolträchtig! – in ungehemmtem Kannibalismus auch schon mal gegenseitig die Gattinnen wegfressen, als witziges Gleichnis politischen Handelns auf die Bühne gebracht. Dergleichen muss man allerdings einem Sommerspiele-Publikum (wie tapfer es ausharrt, auch wenn es kein lauer, sondern ein rauer Sommerabend ist!) nicht aufs Auge drücken: gut gespielte Posse reicht allemale.

Nun ist Alfred Pfeifer „Abendwind der Sanfte“, Häuptling der Groß-Lulu, und man glaubt diesem netten Menschen, dass er Fremde wirklich nicht gern verspeist, nur wenn es absolut nicht anders geht. Franz Suhrada als seinem Koch mit dem sprechenden Namen „Ho-Gu“ traut man  zu, dass er sie schmackhaft zubereitet. „Biberhahn der Heftige“, Häuptling der Papatutu, der zum Staatsbesuch kommt, erhält von Bernd Spitzer komisch-grimmigen Umriß. Den Vogel schießt allerdings das Liebespaar ab – Irene Budischowsky als wahrer Fratz einer Häuptlingstochter (wehe, wenn sie losgelassen!) und Regisseur Christian Spatzek selbst als der hochnasige „Fremdling“ Arthur aus der Welt der Weißen, der seinem Schicksal, im Kochtopf zu landen, nur knapp entgeht…

Die verständnisinnigen Lacher, der reiche Szenenapplaus und das rhythmische Mitklatschen zur Musik ließen keinen Zweifel darüber, dass sich die Parndorfer (und jene Wiener, die teilweise mit dem Reisebüro-Bus hierher kamen) bestens unterhalten haben.

Renate Wagner